Das Becken im Konzept Radloff®

Das Schaltzentrum Becken

Im Konzept Radloff wird das Becken und die Wirbelsäule als funktionelle Einheit betrachtet. Das Becken, bzw. die Iliosacralgelenke sind dabei ein zentraler Schaltort. Sie ermöglichen erst das ungehinderte Übertragen von Bewegungen der Beine in die  Wirbelsäule oder von der Wirbelsäule auf die Beine. Die ISG’s sind deshalb unverzichtbar in der Behandlung von Rückenschmerzen!

Grundgedanke

Der Mensch steht auf seinen Füssen und geht normalerweise aufrecht. Sind z.B. die Beine ungleich lang, wird dies durch das Becken und die Wirbelsäule ausgeglichen bzw. kompensiert. So steht der Mensch nicht (oder nicht ganz so) schief. Anders beim schiefen Turm von Pisa. Das Fundament ist einseitig abgesunken. Da der Turm keine Ausgleichsmöglichkeiten hat, steht der ganze Turm schief.

Sobald im biomechanisch funktionierenden Zusammenspiel Beine-Becken-Wirbelsäule einzelne Gelenke blockieren, müssen andere Gelenke kompensieren. Dies führt mittel- und langfristig zu vielfältigen Problemen. Aus diesem Grund ist es essentiell wichtig immer alle Bereiche des statischen Aufbaus in die Behandlung einzubeziehen.

Die Bewegungsachsen der Beckengelenke

Es werden 3 Achsen unterschieden:

1.     Die transversale Bewegungsachse

2.     Die Longitudinale Bewegungsachse

3.     Die sagittale Bewegungsachse

1. Die transversale Bewegungsachse

Sie verläuft waagerecht, in etwa durch die Hüftgelenke. Wird nun beim Gehen das rechte Bein nach vorn bewegt, dann bemerkt man bei der Betrachtung der rechten Beckenschaufel von ihrer Aussenseite, dass sie sich gegen den Uhrzeigersinn gedreht hat. Der vordere, obere Darmbeinstachel hat sich nach hinten und oben bewegt, und gleichzeitig wurde der rechte Sitzbeinhöcker nach unten und vorn bewegt und damit wurde auch der rechte Schambeinast nach oben bewegt.

2. Die longitudinale Achse

Die longitudinale oder vertikale Achse verläuft senkrecht - von oben nach unten - durch die ISG’s.

Bei der Bewegung des rechten Beines nach vorn wird die rechte Beckenschaufel mit ihrem ventralen Rand weiter nach vorn - zur Körpermitte - gedreht.

3. Die sagittale Achse

Die sagittale Achse verläuft waagerecht von hinten nach vorn, also von der Mitte des Kreuzbeins zum Bauch. Bei der Bewegung des Beines nach vorn wird das Kreuzbein zur Gegenseite, also nach links bewegt.

Die beschriebenen Bewegungen sind in ihrem Ausmass relativ gering, dürfen aber dennoch nicht vernachlässigt werden, da erst sie der Wirbelsäule harmonische Schwingungen ermöglichen. Diese Schwingungen scheinen sich - ähnlich dem in der Physik bekannten „Hebelgesetz“ - nach oben zu verstärken. Das Becken bildet somit das ebenfalls schwingende Gegengewicht zur Wirbelsäule. Sind nun Bewegungen der Beckengelenke nicht möglich, dann ist die Statik der Wirbelsäule, und somit die Statik des ganzen Körpers gestört.

Die Gründe für blockierte Iliosacralgelenke

Als zentrales, mobiles Bindeglied innerhalb des Beckens gelten die Iliosacralgelenke. Sie reagieren flexibel auf Veränderungen von den Beinen/Füssen her und geben diese Veränderungen weiter an die Wirbelsäule. Der Mensch kann sich dadurch überhaupt erst geschmeidig und weich bewegen. Lassen sich die Iliosacralgelenke nicht bewegen, ist das labile Gleichgewicht, zumindest innerhalb des Beckens und der Wirbelsäule, gestört, und das stetige Ausbalancieren auf Reize von caudal oder cranial nicht mehr möglich. In der Wirbelsäule oder auch in den Beinen wird kompensiert. Beschwerden in diesen Bereichen sind die Folge.

Ein Körpergelenk blockiert in aller Regel nicht grundlos. Nachfolgend die möglichen Ursachen für blockierte Iliosacralgelenke. Erst wenn die Ursache erkannt und behandelt wurde bleiben die mobilisierten Gelenke auch beweglich.

Es bestehen 5 Ursachen für das Blockieren der Iliosacralgelenke;

·       Traumatische Ursache

z.B. Fahrradsturz auf das Becken.

·       Störungen in Beckenorganen

(Blase, Prostata, Ureter, Niere, Uterus, Eileiter, Ovar, Dünndarm, Enddarm, - ) Üüber den viszeralen Reflexbogen entsteht eine muskuläre Dysbalance der Beckenmuskulatur. Diese verdreht und blockiert die Iliosacralgelenke.

·       Störungen eines höher gelegenen Organs

Dadurch verdreht zunächst die Wirbelsäule und als Reaktion darauf verdreht sich das Becken und die Iliosacralgelenke blockieren.

·       Fehlartikulation von Beingelenken

Durch die dadurch blockierte Meridianenergie verändern sich Muskelspannungen und als Reaktion darauf verdreht das Becken, um diese Fehlspannungen auszugleichen.

·       Anatomische Beinlängendifferenzen

Wie im Beispiel ober erwähnt kompensieren die Beckengelenke dies.

Die Auswirkungen blockierter Iliosacralgelenke

·       Energetische Blockade des Blasenmeridians und des Gouverneursgefässes

Ein blockiertes Gelenk wirkt wie eine Staumauer. Da der Blasenmeridian und das Gouverneursgefäss über die ISG laufen, kann der Energiefluss dieser beiden Meridiane stark gestört werden. Die  Beckenorgane und die Beine werden durch diese beiden Meridiane mit Energie versorgt. Womit dann auch die Beine, z.B. Beinkrämpfe oder der Unterleib, z.B. Blasenschwäche, PMS Prostatabeschwerden usw., negativ beeinflusst werden können.

·       Kompensation in der gesamten Wirbelsäule

Reflektorisch bestehen Auswirkungen in die gesamte Wirbelsäule. Folge sind alle Formen von akuten und chronischen Nackenschmerzen- und/oder Rückenschmerzen bis hin zu Discushernien. Eine HWS-Distorsion kann durch funktionell nicht mobile Beckengelenke persistent bleiben.

·       Kompression neuraler Strukturen

Einerseits kann eine Ischialgie die Folge von blockierten Iliosacralgelenken sein. Andererseits können diese komprimierten neuralen Strukturen durch den viszeralen Reflexbogen auch die angeschlossenen Beckenorgane (siehe Beckenorgane oben), die Muskulatur und Knochenstrukturen negativ beeinflussen.

·       Beschwerden im Beinbereich

Durch blockierte Beckengelenke verändert sich die Spannung in der gesamten Beinmuskulatur. Symptome wie Beinödeme, Varizen, Muskelkrämpfe, Hüftgelenks- und Knieschmerzen jeder Art, Fersensporn, Achillessehnenbeschwerden, Hallux Valgus, funktionelle Beinlängendifferenzen usw., können die Folge davon sein.

Indem wir die Iliosacralgelenke konsequent lösen bis sie frei beweglich sind, erhält der Körper die Möglichkeit zu regenerieren. Nicht selten berichten Männer über bessere Potenz oder über „mehr Druck" beim Wasserlösen. Bei Frauen mit PMS ist durch das konsequente Lösen der Beckengelenke oft eine wesentliche Verbesserung der Beschwerden zu beobachten. Natürlich immer unter zusätzlicher, gezielter organischer Behandlung.

Die Gründe für fehlartikulierende oder blockierte Wirbelgelenke

·       Traumatische Ursachen

Z.B. eine HWS-Distorsion aufgrund eines Unfalls.

·       Blockierte Iliosacralgelenke

Bewirken eine Kompensation in der Wirbelsäule.

·       Nicht artikulierende Armgelenke

Ein energetisch blockierenden Gelenk im Armbereich kann durch daraus entstehende Muskelspannungen eine Blockade der HWS verursachen oder aufrecht erhalten.

·       Internistische Störungen

Ein z.B. gereizter Magen kann über den viszeralen Reflexbogen eine Fehlartikulation oder Verdrehung eines Wirbels (Th 6-TH8) bewirken.

Die Auswirkungen fehlartikulierender oder blockierter Wirbelgelenke

Die Bandbreite der Beschwerden aufgrund von fehlartikulierenden oder blockierten Wirbelgelenken ist sehr lang. Sie werden deshalb nachfolgend nur allgemein aufgelistet.

·       Das Gouverneurs- und das Konzeptionsgefäss sowie der Blasenmeridian können blockiert werden, was wiederum z.B. Muskelspannungen im Rückenstrecker zur Folge haben kann.

·       Kompression neuraler Strukturen, welche im Sinne des Projektionsschmerzes (siehe Artikel Segmentanatomie) Auswirkungen im gesamten Körper haben können. Von Kopfschmerzen bis hin zu Neuropathien, von Muskelkrämpfen bis zu arthrotischen knöchernen Veränderungen. Aber auch Organe können durch einen ständig gereizten Nerv in eine Stresssituation kommen und dadurch Funktionsbeeinträchtigungen erfahren.

Daraus wird deutlich, dass die Behandlung der Wirbelsäule nicht nur Einfluss auf die Wirbelsäule selbst hat. Die energetischen Flussbedingungen werden verbessert. Die inneren Organe werden funktionell positiv beeinflusst.  Beschwerden in den Extremitäten können abgebaut werden.

Das Vorgehen bei der statischen Behandlung der Einheit Becken-Wirbelsäule

Bei Schmerzgeschehen im Bereich des Beckens und der Wirbelsäule muss immer die gesamte Einheit betrachtet und behandelt werden. Es macht absolut keinen Sinn nur einen Wirbel oder nur die ISG zu entblocken und den Rest sich selbst zu überlassen.

Grundsätzlich wird immer von unten nach oben behandelt.

Zuerst werden alle Beingelenke auf Störungen untersucht und behandelt.

Das achsengerechte Lösen der Iliosacralgelenke nimmt einen zentralen Teil in der Behandlung ein. Erst wenn diese in allen ihren Bewegungsachsen funktionell beweglich sind, können die Wirbelgelenke gelöst und repositioniert werden.

Mit Hilfe der Ohr-Reflexzonen-Kontrolle nach Radloff werden störende Segmente aufgefunden und entsprechend behandelt. Die gesamte Einheit Becken-Wirbelsäule wird also auch immer als solche behandelt.

Erst wenn alle Gelenke von Fuss bis Atlas gelöst wurden, kann von einer nachhaltigen Behandlung gesprochen werden. Aber auch nur dann, wenn die möglichen anderen Ursachen für Blockaden einzelner Gelenke erfolgreich behandelt wurden.

Fazit

Das Becken ist nicht einfach nur das unbewegliche Ding wo unsere Beckenorgane drin liegen. Vielmehr ist es eine Schaltzentrale des funktionellen Zusammenspieles unseres gesamten Bewegungsapparates. Es beeinflusst und wird beeinflusst. Es lohnt sich deshalb zu hinterfragen und zu kombinieren, wenn Beschwerden im Bewegungsapparat trotz intensiver Behandlung oder Pause persistieren oder rezidivierend immer wieder auftreten.

 

Peter Jeker, Ausbildungsleiter Lehrinstitut Radloff